Mittwoch, 9. Juli 2008

Über den scheidenden Kanzler und den neuen SPÖ-Kapitän

Es liegt in der Natur der journalistischen Sache, dass nach dem endgültigen Zerfall der großen Koalition deren scheidender Kanzler, Dr. Alfred Gusenbauer, mit Rückblicken medial aus dem Amt verabschiedet wird. Dabei mutet es fast rührend an, dass da wie dort nunmehr die positiven Seiten, die Stärken des Kanzlers hervorgekehrt werden, dass dessen "persönliche Tragödie" bedauert sowie dessen „ungerechte Behandlung“, insbesondere forciert durch die Zerfleischungsmaschinerie der eigenen Partei, durch die Medien in die Öffentlichkeit getragen, gegeißelt wird. Davon abgesehen, dass derartige Verabschiedungen aus dem Munde mancher reichlich scheinheilig sind, ist es nur gerecht, auch wenn es eigentlich keiner Erwähnung bedürfen sollte, anzumerken, dass Gusenbauer nicht der alleinige Schuldige für die allgemeine Verfehltheit dieser großen Koalition war. Andererseits hält sich mein persönliches Mitleid sehr in Grenzen: Als Mann an der Spitze trägt nicht nur ein Politiker die Führungsverantwortung bei prolongiertem Scheitern seiner Team-Mitglieder und Hinterleute.

Alfred Gusenbauer ist definitiv einiges Unrecht widerfahren. Beobachtern des innenpolitischen Geschehens drängte sich deshalb bisweilen die Frage auf, wie zum Teufel dieser Mann die medialen Erniedrigungen, gepaart mit der wertschätzungsfreien Niederträchtigkeit der eigenen Partei so lange ertragen konnte. Doch wer es nicht aushält, in der öffentlichen Kritik zu stehen und mitunter übelste Verleumdungen durch den Boulevard zu ertragen, der bringt noch nicht einmal die Grundvoraussetzung mit, um ein ranghoher Politiker zu sein. In dieser Hinsicht ist ein in der Öffentlichkeit stehender Politiker wie ein Boxer: Die besten Politiker, die in den größten Show-Kämpfen agieren, müssen auch einstecken können; austeilen alleine reicht nicht. Hinsichtlich seiner Nehmerfähigkeiten war Gusenbauer ein würdiger Kanzler: Er ertrug das Stakkato persönlicher Angriffe mit Fassung, wie sich nicht zuletzt in der ZIB2 am Tag des finalen großkoalitionären Bruches zeigte. Woran es ihm fehlte, und woran er letztendlich auch zerbrach, woraus mithin überhaupt erst die Übermacht der gegen ihn gerichteten Schuldzuweisungen erwuchs, war seine Unfähigkeit, möglicherweise auch seine Nichtgewilltheit, durch ebenso hinterhältige Gegenattacken den Kampf zumindest ausgeglichen zu halten, zumindest jedoch für Entlastung zu sorgen. Die Unterstützung des Publikums, die ihn durch motivierende Zurufe in den Kampf hätte zurückführen können, blieb ihm ohnehin und gerade wegen dieser Unfähigkeit verwehrt.


Viel Erfolg, Werner Faymann!

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass mit Werner Faymann gerade jener SPÖ-Politiker auf Gusenbauer folgt, dem äußerst innige Kontakte zum österreichischen Boulevard zu Eigen sind. Hätte Gusenbauer auch nur einen Bruchteil dieser Kontakte gehabt: Er hätte sich weniger verleumderische Anschuldigungen über die Medien ausrichten lassen müssen. Aber wie schon Jens Lehmann nach der Niederlage der Deutschen im EM-Finale so trefflich bemerkte: Der Konjunktiv ist der Feind des Verlierers.

In der „Presse“ hat Oliver Pink schon etwas gefunden, dass sich positiv anmerken ließe, sollte Faymann nicht den großen Erwartungen gerecht werden, welche die SPÖ nach anderthalb Jahren Regierungsfarce in ihn steckt: „Der Technokrat und Sonnyboy Werner Faymann ist ein Mann ohne Eigenschaften, der aufpassen muss, dass er nicht wie Viktor Klima endet: als pragmatische, phrasendreschende Marionette, die sich vom Boulevard und der Gewerkschaft vorgeben lässt, was sie zu tun hat.

Sonst könnte sogar recht rasch eine Gusenbauer-Nostalgie ausbrechen. Das wäre immerhin ein später Akt der Gerechtigkeit.“ Ich persönlich würde auf diesen „Akt der Gerechtigkeit“ gerne verzichten, sollte eine neuerliche Blockade der politischen Handlungsfähigkeit dessen Voraussetzung sein. In diesem Sinne wünsche ich Faymann, auch wenn ich aalglatte Politiker wie ihn persönlich verabscheue, im Sinne der Regierbarkeit dieses Landes alles erdenklich Gute.

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